günther selichar

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Werk Beispiel

günther + loredana selichar

325 Photograms

Gelatine Silver Prints, 25 parts, Size: 5,8 cm x 5,8 cm - 28,8 cm x 28,8 cm, Weight: 1 - 25 g, 2003/2007

Collection of the City of Vienna (A)

 

Photo: Rainer Iglar, Wien

 

Ruth Horak

844 Fotogramm lautet der Ausstellungstitel, unter dem die Fotogramme von Loredana und Günther Selichar (2003/2007) erstmals gezeigt werden. Während ich den Titel schreibe, schlägt der Computer eine grammatikalische Korrektur vor: 844 Fotogramme müsste es seines Erachtens richtig heißen oder 844 Gramm. Was er nicht wissen kann ist, dass diese grammatikalische Brücke zwischen den beiden Begriffen Fotogramm und Gramm eine Kausalität beschreibt, wie sie in dieser Deutlichkeit selten in einem Bild vorkommt1. „Es handelt sich um Fotogramme von 1-Gramm-Gewichten, die vertikal von oben belichtet wurden, was zu einer kreisrunden, gleichmäßig weißen Abbildung führt." (Günther Selichar) Die kleinen zylindrischen Messinggewichte, die auf dem Fotopapier gestanden und es gegen das Licht abgedeckt haben und ihre Grundflächen in Form von kleinen weißen Punkten hinterlassen haben, sind also die materielle und formale Grundlage, und wirken sich im buchstäblichen Sinne des Wortes maßgebend auf das Bild aus: Ein Fotogramm, auf dem vier Grammstücke zu sehen sind, ist 4 Gramm schwer, und 844 Fotogramm sind also insgesamt 844 Gramm Foto, lose in ihren Rahmen platziert, um auch noch in der Phase der Präsentation auf ihr Gewicht hinzuweisen.
Normalerweise ist in der Fotografie alles gewichtlos, egal, ob eine Straßenwalze oder ein Kohlblatt dargestellt ist: als Papierbild ist alles gleich schwer. Oder allgemeiner gesagt, die Ähnlichkeit mit der Realität ist „substanzlos. Eine Fotografie kann das Gefährliche darstellen, ohne zu gefährden, das Schädliche ohne zu schaden, das Erwünschte ohne zu sättigen."2  In den Fotogrammen hier hat die Realität in einer zusätzlichen Dimension Substanz: das dargestellte und das tatsächliche Gewicht sind eins.

Diese Verknüpfung von Bild und Blatt, genauer, von der sichtbaren Oberfläche und dem Gegenstand „Foto" ist kalkuliert und planmäßig ausgeführt. Mit jedem weiteren Titel – 2 Fotogramm, 9 Fotogramm, 25 Fotogramm – mit  jedem weiteren Blatt, auf dem das schwarze Quadrat anwächst und sich immer mehr Punkte auf ihm tummeln, ergänzt sich unsere Erfahrung um einen neuen Wert. Die Verwendung einer Ziffer bestätigt, dass es sich um eine Gewichtsangabe handelt. Und so vertrauen wir irgendwann darauf, dass 10 Fotogramm auch wirklich 10 Gramm Foto sind.
Was über das planmäßige Vorgehen hinausführt, ist die Anordnung der Gewichte. Jemand musste darüber entscheiden, wie sie stehen. Das heißt, es gibt eine Art „Handschrift", weil es eine menschliche Art gibt, Dinge hinzustellen, ohne sie stellen zu wollen, noch vor jeder Absicht, angeregt vom Werfen (hier kommt noch der Zufall ins Spiel). So sind die Punkte nicht symmetrisch, nicht regelmäßig, in keiner besonderen Beziehung zum Blatt – sie stehen da, wie man eben Dinge hinstellt, bevor man beginnt, sie zu arrangieren.
Hat man eine ganze Serie vor sich, bei der Blatt für Blatt ein neuer Punkt dazukommt, dann hat man das Gefühl, dass auch der Bewegung Aufmerksamkeit gebührt. Die weißen Punkte bewegen sich leichtfüßig über die Flächen, springen in freie Formationen und vermehren sich – je größer der Spielraum, desto mehr Figuren. Sie erinnern an Schauspieler auf einer Bühne, die noch beieinander stehen und sich unterhalten, bevor sie aufgefordert werden, ihre Plätze einzunehmen. Die regelmäßige Hängung einer solchen Serie ist nur eine Möglichkeit, die der gleichmäßigen Entwicklung des Quadrates entgegenkommt bzw. der planmäßigen Ausführung der Fotogramme entspricht. Genauso gut könnte man die Bewegtheit der Punkte aufgreifen und eine dafür adäquate (Un)Ordnung finden.

Günther und Loredana Selichar haben eine kleine, klare Form inszeniert, die „knappste Fassung eines Sinnes"3, einer Beziehung zwischen Zeigen und Gezeigtem.
Wenn wir begriffen haben, was uns anfänglich in Erwartung versetzt hat und sich der grammatikalische Widerspruch in der Pointe aufgelöst hat, dann rückt wiederum die Form in den Vordergrund. Die Gramme werden wieder zu Punkten, zu Fotogrammen, zu Kompositionen aus runden und eckigen Formen, aus Dichtheit und Leere, Schwarz und Weiß. Man kommt in der dritten Lesephase also wieder zurück zu dem, was es am Anfang war, bevor man die Kopräsenz der unterschiedlichen Begriffe erfasst hatte: weiße Punkte auf schwarzen Flächen. Als solche sind sie wieder autonome Bilder, die ein weiteres, kunstspezifisches Assoziationsfeld eröffnen, nämlich das der Moderne und ihres medienreflexiven Diskurses, weil sie die Entstehung des Bildes aus dem Medium, und damit seine Rückgebundenheit an dieses Medium thematisieren. Die anfänglich irritierende Grammatik des Titels ist letztlich also auch tatsächlich im Sinne von Grammatik zu verstehen, denn die Fotogramme sind eine Inszenierung des Regelwerks der Fotografie: Eine Inszenierung der lichtempfindlichen Schicht, die hier in ihren Extremen gar kein Licht (weiß) und alles Licht (schwarz) vorgeführt wird, des Bedürfnisses nach einer Form, wenn auch einer minimalen (Quadrat und Kreis), die Inszenierung der Variation (über die systematische Steigerung der Grammatur), eine Inszenierung des Kontaktes zwischen dem Motiv und der lichtempfindlichen Schicht, usw. Das letztgenannte führt uns noch Besonderheiten des Fotogramms vor Augen: Im Fotogramm ist es nicht möglich, das ursprüngliche Aussehen der Gewichte zu rekonstruieren – der Gegenstand Messing-Gewicht, der letztlich nur ein Mittel zum Zweck ist, um das Gewicht benützbar und „handlich" zu machen, sein Aussehen und seine Materialität sind im Fotogramm wieder rückgeführt auf das Eigentliche, auf sein Gewicht. Außerdem bleibt das Fotogramm insofern authentisch als dass keine Übertragung eines Ortes stattfindet (es gibt keinen Ort außerhalb des Fotopapiers) und keine Veränderung des Maßstabs.
So sind 844 Fotogramm auch Notizen zum Verhältnis zwischen Prozess und Produkt (sie tragen das Gemacht-Sein in der Dunkelkammer in sich) und nicht zuletzt Notizen zum Arbeiten im Team: Auf der Einladungskarte sind 2 Punkte für 2 KünstlerInnen, die in dieser knappen Form eine wirkungsvolle Symbolik entfaltet haben.


  1.In der Konzeptkunst findet man vergleichbare Ansätze, wenn etwa ein Bild ausschließlich aus einer Aufzählung jener Bedingungen besteht, die für das Zustandekommen des Bildes verantwortlich sind.
  2.Hans Jonas, Homo Pictor.: Von der Freiheit des Bildens. In: Gottfried Boehm (Hrsg.), Was ist ein Bild? Fink Verlag (1994), 4. Auflage 2006, S.111.
  3.Definition für das Epigramm, eine ebenso knappe literarische Form.